Anfang Oktober hat Google einen „universellen Agenten“ vorgestellt, dem man Ziele statt Anweisungen gibt. Das ist beeindruckend, und für viele Aufgaben ist es die Zukunft. Mich hat ein Detail aus derselben Präsentation mehr interessiert. Die DBS Bank, eines der Vorzeigeprojekte, bereitet ihre Kreditvorlagen mit festen Ketten aus 70 bis 80 spezialisierten Agenten vor. Jeder Schritt hat eine klar umrissene Aufgabe, und die Reihenfolge steht vorher fest.
Das deckt sich mit dem, was ich in Projekten sehe. Die meisten KI-Lösungen, die im Alltag eines Unternehmens Arbeit abnehmen, sind feste Abläufe mit ein paar klugen Schritten. Genau deshalb gehen sie schnell live.
Zwei Arten, KI arbeiten zu lassen
Anthropic, der Hersteller von Claude, hat das schon Ende 2024 sauber getrennt:
- Ein Ablauf (Workflow) folgt einem Weg, den jemand vorher festgelegt hat. An einzelnen Stellen arbeitet ein Sprachmodell: Es liest ein Dokument, ordnet eine Anfrage zu oder schreibt einen Entwurf.
- Ein Agent entscheidet selbst, welche Schritte er in welcher Reihenfolge geht und welche Werkzeuge er dafür benutzt.
Nach der Arbeit mit Dutzenden Teams rät Anthropic, mit der einfachsten Lösung anzufangen und nur dann komplexer zu werden, wenn es nötig ist. Abläufe bringen Vorhersagbarkeit für klar umrissene Aufgaben. Agenten bringen Flexibilität, wenn sich der Weg vorher nicht festlegen lässt, und bezahlen das mit mehr Rechenzeit und höheren Kosten.
Ein Beispiel: die Bestellung per E-Mail
Nehmen wir den Auftragseingang. Eine Bestellung kommt per Mail, als PDF im Anhang.
Als Ablauf sieht das so aus:
- Ein Sprachmodell liest das PDF und zieht Kunde, Artikel, Mengen und Liefertermin heraus.
- Der Code gleicht Artikelnummern und Preise mit dem ERP ab. Das ist eine gewöhnliche Datenbankabfrage.
- Passt alles, wird der Auftrag angelegt. Passt etwas nicht, landet die Bestellung mit einem Hinweis beim Innendienst.
Drei Schritte, einer davon mit KI. Das Sprachmodell erledigt genau das, was vor ein paar Jahren noch unmöglich war: ein beliebig formatiertes Dokument verstehen. Alles andere macht Code, der jedes Mal gleich arbeitet.
Als freier Agent hieße die Aufgabe „Bearbeite eingehende Bestellungen“. Der Agent entscheidet dann selbst, ob er erst im ERP sucht oder erst beim Kunden nachfragt und ob er bei einer unbekannten Artikelnummer die ähnlichste nimmt. Das kann gut gehen. Es ist aber schwerer vorherzusagen, schwerer zu messen und schwerer zu erklären, wenn der Innendienst fragt, warum der Auftrag so aussieht.
Warum der Ablauf schneller live geht
Man kann ihn messen. Nehmen Sie 200 Bestellungen aus dem letzten Quartal, lassen Sie den Ablauf darüber laufen und vergleichen Sie das Ergebnis mit dem, was der Innendienst damals gebucht hat. Nach einem Nachmittag wissen Sie, wie oft er richtig liegt.
Fehler haben eine Adresse. Wenn etwas nicht stimmt, sehen Sie, in welchem Schritt. Meist ist es das Auslesen eines bestimmten Lieferantenformats, und genau das lässt sich gezielt verbessern.
Er ist sparsam. Ein Leseschritt pro Bestellung braucht wenig Rechenzeit. Ein Agent, der überlegt, sucht und wieder überlegt, braucht ein Vielfaches davon.
Das Team versteht ihn. Ein Ablauf passt auf eine Seite. Das hilft beim Vertrauen und später bei jeder Änderung.
Wo der Agent glänzt
Agenten spielen ihre Stärke aus, wo sich der Weg nicht vorher festlegen lässt: Recherche über viele Quellen, Programmierarbeit oder Fragen an die eigenen Zahlen, bei denen jede Frage eine andere Auswertung braucht. „Warum lag der Umsatz im September unter dem Vorjahr?“ hat keinen festen Ablauf. Hier sucht der Agent selbst die passenden Daten, rechnet, prüft und rechnet nach.
Oft ist die beste Lösung eine Mischung: ein fester Ablauf als Gerüst und an der Stelle, die sich nicht vorhersehen lässt, ein Agent. Auch die Ketten der DBS Bank sind so gebaut, als fester Ablauf, in dem spezialisierte Agenten jeweils ein Stück erledigen.
Drei Fragen für Ihre Aufgabe
- Können Sie die Schritte einem neuen Kollegen auf einer Seite aufschreiben? Dann ist es ein Ablauf.
- Hängt der nächste Schritt vom Ergebnis des vorigen ab, auf eine Weise, die Sie vorher nicht aufzählen können? Dann gehört an diese Stelle ein Agent.
- Woran würden Sie merken, dass das Ergebnis stimmt? Wenn Sie das beantworten können, lässt es sich messen, egal ob Ablauf oder Agent.
Die gute Nachricht: Die meisten Aufgaben, die in einem Betrieb jeden Tag Zeit kosten, fallen unter die erste Frage. Dafür muss niemand auf die nächste Modellgeneration warten.
Im KI-Piloten bringe ich so eine Aufgabe in vier bis acht Wochen in den Betrieb, gemessen an Ihren eigenen Fällen.
Quellen
- Anthropic: Building effective agents, 19. Dezember 2024
- Google Cloud: Gemini at Work 2026, 8. Oktober 2026